Von den Sehnsüchten

 

Über die Bilder von Elisabeth Mehrl

Sehnsüchte sind etwas Paradoxes, zugleich konkret und ungreifbar. Aus dem Unbewußten kommend, materialisieren sie sich gleichsam, indem sie sich an Dinge heften. Dieser Prozeß vollzieht sich schon so lange, wie Menschen Sehnsüchte haben. Sehnsüchte bedürfen der Dinge, um Erfüllung zu finden. Ihre Materialisierung scheint sie greifbar zu machen und auf den Punkt zu bringen, was sich aber letztlich als trügerisch erweist.
Sehnsüchte laden die Dinge auf. Die Objekte sind dann nicht mehr nur sie selbst, sondern sie bekommen eine Aura hoher und höchster Bedeutsamkeit, die zugleich immens spürbar und nur schwer gedanklich, das heißt in Worten, zu fassen ist. Sie sind zu Zeichen, zu Symbolen eines ersehnten Seinszustandes geworden, der mit ihrer Erlangung verknüpft ist. So können sie auch magisches Objekt oder im Wortsinne Fetisch sein, ein Gegenstand religiöser Verehrung, dem übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Denn Sehnsüchte erfüllen sich letztlich nicht im Umgang mit Dingen, wie sehr sie sich auch an diese klammern mögen.
Sehnsucht zielt im letzten auf etwas, das nicht hier ist, das in der Welt keinen Ort hat, wenigstens noch nicht oder vielleicht auch niemals haben wird. "Utopie" nannten dies jene Generationen, die an die Erfüllung ihrer Sehnsüchte im Reich des Politischen glaubten.

Elisabeth Mehrl ist in ihrem Werk seit Jahren den Sehnsüchten auf der Spur. Genauer gesagt, sucht sie nach ihrer scheinbaren Materialisierung in den Dingen. Immer wieder beschwört sie in ihren Bildern die Objekthaftigkeit formvollendeter Gegenstände. Konsequent inszeniert sie gerade das Moment des auratischen Aufgeladenseins, indem sie ihre Bildgegenstände jedes konkreten Kontextes entkleidet und sie ohne alles erzählerische Beiwerk präsentiert. Als Gegenstände hat sie sich Dinge gewählt, die in hohem Maße von dieser Aura umgeben sind: Ringe, Armreife, Perlenketten, kurz gesagt, Schmuck in verschiedensten Formen. Oft treten sie übergroß in ihrer Vereinzelung vor den Betrachter. Sie können sich scharf konturiert und geradezu körperlich vom Hintergrund abheben, sie können aber auch aus der scheinbaren Monochromie einer blauen oder gelben Fläche gleichsam im Akt des Betrachtens auftauchen und den Eindruck einer traumartig unauslotbaren Tiefe des Raumes erzeugen. Die Begegnung mit Elisabeth Mehrls Bildern ist eine sinnliche, von Gefühlen getragene Erfahrung, die weit hinein führt ins eigene Innere. Dadurch unterscheiden sich ihre Arbeiten grundlegend von denen der Pop Art, die Alltagsgegenstände in sakrale Ikonen zu verwandeln versuchte. Die Aura, die ihre Bilder erzeugen, ist von anderer Art.

Schmuckgegenstände scheinen schon immer faszinierend gewesen zu sein. Es gibt kaum jemanden, der sich ihrem Zauber ganz entziehen kann. Menschliche Gesellschaften, die gänzlich ohne Schmuck auskommen, sind bis jetzt noch nicht entdeckt worden. Menschen schmücken das, was sie herstellen, primär aber den eigenen Körper, durch Bemalung, Tätowierung, Frisuren oder durch Gegenstände: Ketten, Finger-, Ohr- oder Nasenringe, Broschen und dergleichen. Man kann das Bedürfnis nach Schmuck getrost als anthropologische Konstante des Homo sapiens bezeichnen. Bereits in der Altsteinzeit tauchen sie auf, die durchbohrten Knochen, Muscheln oder Tierzähne, die als aufgefädelte Perlen zu Halsketten und Arm- oder Beinreifen verarbeitet wurden. Die Frage, warum sich Menschen schmücken, läßt viele Antworten zu. Schmuck erfüllt mehr als nur eine Funktion. Reine, zweckfreie Freude am Schönen allein wird es nicht gewesen sein, die Menschen in frühen Kulturen dazu antrieb, Ketten aus Samenkapseln oder Muscheln zu fertigen und zu tragen. Die Ästhetik, die ja eine ziemlich späte "Errungenschaft" der westlichen Menschheit ist, dürfte vom Zeichen- und Symbolcharakter dieser ersten Schmuckgegenstände untrennbar gewesen sein. Der spanische Paläoanthropologe Juan Luis Arsuaga formuliert es so: "Das Individuum übergibt seine Identität an die Schmuckobjekte, die wiederum am Körper getragen werden und den Körperausdruck unterstützen." (1) Wie wichtig diese Funktion ist, zeigt sich u.a. darin, dass die Seltenheit und Kostbarkeit des Materials offenbar schon früh eine wichtige Rolle zu spielen begann. Die Geschichte des Schmucks ist auch die Geschichte edler oder zumindest schwer beschaffbarer und dadurch kostbarer Werkstoffe. Bernstein, der in Europa vorzugsweise im Ostseeraum gefunden wird, ist seit dem Neolithikum ein beliebtes Material für Schmuckgegenstände wie Perlenketten und Anhänger, und in der Bronzezeit avancierte er zum Exportschlager des nördlichen Mitteleuropa und fand seine Abnehmer im gesamten Mittelmeerraum. Gold, Silber, Edel- und Halbedelsteine blieben bis zum Aufkommen von Mode- und Designerschmuck die privilegierten Materialien für die Schmuckherstellung.

Schmuck zeichnet den Träger aus. Er erhöht die Attraktivität - besonders, aber nicht allein auch die erotische - und signalisiert Besonderheit. Er verkörpert in hohem Maße Sehnsucht nach Liebe und Geliebtwerden, Anerkanntwerden, Sicherheit und Geltung. Damit verbunden ist eine weitere Funktion, die die erste überlagert: Über Jahrtausende gab Schmuck auch über die gesellschaftliche Stellung und Bedeutsamkeit des Trägers Auskunft. Seine rein dekorative Funktion tritt erst seit rund 200 Jahren in den Vordergrund: Mehr oder weniger kann man die Französische Revolution von 1789 als Wasserscheide ansetzen. Erst seit jener Zeit entscheiden primär Mode, persönlicher Geschmack und finanzielles Vermögen darüber, wer welches Schmuckstück trägt. Daß die gesellschaftliche Stellung eines Menschen heute nur noch sehr bedingt an seinen Ringen oder Ketten ablesbar ist, heißt allerdings nicht, daß Schmuck heutzutage nur noch schmückt. Nach wie vor kann er auch Erkennungszeichen sein für Gleichgesinnte und Eingeweihte oder für Angehörige von Subkulturen.

Der Glaube, Schmuck ziehe den Blick eines feindlichchen Wesens - sei es nun ein Geist oder ein Mensch - auf sich und lenke ihn damit vom Träger ab, ist weit verbreitet und vielfach belegt (2) und gehört keineswegs der Vergangenheit an. In arabischen Ländern schützen blaue Perlen Kinder, Bräute, Haustiere und sogar Autos vor Unheil. Eine Reihe magischer und abergläubischer Vorstellungen ist mit dem Ring verbunden. Man hat sie zurückgeführt auf die Form des Ringes, das "geheimnisvolle, in sich selbst zurücklaufende Rund", das es nahelegte, auf den Ring die mit dem Zauberkreis verbundenen Auffassungen zu übertragen. Und man hat bereits in der Antike den Ring als ein Symbol der Bindung interpretiert (3). Zum dauernden Zauber, den Schmuck ausübt, trägt auch noch etwas anderes bei: Das Element des Vollkommenen, das für Dauer, ja für Ewigkeit steht. Wirklicher Schmuck verkörperte immer auch Vollkommenheit: durch kostbare Materialien ebenso wie durch die Kunstfertigkeit ihrer Verarbeitung und das Ebenmaß seiner Formen. Daß wertvolle Schmuckstücke von einer Generation auf die andere vererbt werden, ist vielleicht auch ein sprechender Ausdruck für die Sehnsucht nach dauerndem Bestand.

Geblieben bis heute ist die Aura der Objekte, in der Zeichenhaftes auch unbewußt mitschwingt. Wir sind - überschwemmt von der tägliche Flut der Bilder und Zeichen - oft nicht mehr imstande, sie wahrzunehmen.
Elisabeth Mehrls Bilder verführen zur genauen Wahrnehmung, die eine Voraussetzung des Gewahrwerdens ist. Sie tun dies unter Verzicht auf alle illustrativen oder anekdotischen Momente und ohne augenzwinkernde Verweise auf verborgene Bedeutungen. Sie betonen die Körperhaftigkeit der Gegenstände, so dass die Perlenketten, Armreife und Ringe eine geradezu unheimliche Präsenz gewinnen. Paradoxerweise erreicht die Malerin das nicht in erster Linie durch eine realistische Darstellung, sondern durch Strategien der Verfremdung. Übergroß oder auch ausschnitthaft präsentieren sich die Objekte, wie durch den Linsensatz eines Kameraobjektivs gesehen, vor bzw. innerhalb von Farbräumen, die ihnen einen unwirklichen Ausdruck verleihen. So gewinnen sie eine geradezu abstrakte Qualität, die mitunter daran zweifeln läßt, womit man es zu tun hat. Ob es sich zum Beispiel um ineinander verschlungene Bandringe handelt oder um eine Pflanzendarstellung, die den Fotografien verwandt ist, die Karl Blossfeldt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts inszenierte und die organisches Gewebe wie Metallskulpturen erscheinen lassen. Da können Perlen - je nachdem, ob man sie aus der Nähe oder von Ferne sieht - wie plastische Objekte wirken oder geradezu physiognomisch erscheinen und einen begreifen lassen, worauf der Glaube an ihre apotropäische Wirkung beruhen mag. Auf einem anderen, ganz in Grün getauchten Bild meint man lebende Schlangen zu sehen - oder handelt es sich um die Windungen eines starken Metalldrahtes, aus dem Ringe oder Armreifen erst noch werden sollen? Eindeutigkeiten sind nicht beabsichtigt. Nur am Rande sei bemerkt, daß Schlangen ein häufiges Schmuck-Motiv sind, beladen mit religiösen und magischen Vorstellungen.

Oder die Gegenstände sind klein und wechseln auf schachbrettartig aufgebauten Bildern mit Strukturen, die labyrinthisch mäandern und den Blick verwirren, der ihre Regelhaftigkeit zu ergründen sucht. Der Status der Gegenstände ist oft fraglich: sind es vielleicht Anhänger, haben sie eine Bedeutung, die sich dem Betrachter nicht preisgeben will oder handelt es sich vielleicht nur um eine Art Spielzeug? An ihrer Existenz besteht jedenfalls kein Zweifel. Elisabeth Mehrl erweist sich als eine Malerin, der man ihren Pinselduktus glaubt. Die Bildwelten, die sie schafft, stehen zur Welt der sogenannten äußeren Realität in keinem mimetischen Verhältnis - mögen die Ringe und Ketten auch noch so detailverliebt und zum Anfassen real dargestellt sein. Die Wirklichkeit, um die es ihr geht, ist die Wirklichkeit in uns selbst, die Welt unserer Hoffnungen und Phantasien. Vieldeutig schweben die Dinge auf ihren Bildern - verlockend und schön, zum Greifen nahe und sich zugleich entziehend. Es haftet ihnen auch ein Moment der Zeitlosigkeit an. So dürfte es schwer fallen, Elisabeth Mehrls Ringe mit ihren charaktervollen Köpfen und Profilierungen einer bestimmten Kunstepoche zuzuweisen.
Das nimmt den Bildern nichts von ihrer Lebendigkeit, sondern bestärkt uns in der Überzeugung, dass es sich hier nicht um eine affirmative oder ironische Beschwörung der Konsumwelt handelt, in der wir leben. Ralph Waldo Emersons Diktum von den "Dingen, die im Sattel sitzen und die Menschheit reiten" beleuchtet nur die eine Seite von Elisabeth Mehrls Schmuck-Kosmos. Die andere wird durch den Titel eines Stückes von Calderón beschrieben: "Das Leben - ein Traum".

Andreas Kühne und Christoph Sorger


Zitatnachweise:

(1) Arsuaga, Juan Luis: Der Schmuck des Neandertalers. Hamburg, Wien: Europa Verlag 2003, S. 317

(2) Bächtold-Stäubli, Hanns (Hrsg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin: de Gruyter 2000 (Stichwort: Schmuck)

(3) ebd. (Stichwort:Ring)