Der schöne Nutzen des nutzlosen Schönen

 

Stefan Lindl

Realismus: Verschwindet!
Auf den ersten Blick gibt es keine Vielschichtigkeit. Alles ist ganz einfach, die Farben, die Formen, die Texturen, die labyrinthartigen und die organisch-floralen Ornamente, die abstrakten Formen - alles bekannte Gestaltung, alles gewohnte Ästhetik, vielleicht sogar einer anderen Zeit. Ein Ring ist ein Ring, ein Ding auch ein Ding. Mehr nicht. Damit ist die Weidetätigkeit der Betrachter auf der kargen Oberfläche des Realismus der quadratischen Bilder schon zu Ende. Diese Oberfläche scheint sich allzu einfach und allzu schnell lesen und entschlüsseln zu lassen. Sie bezieht die grasenden Blicke des Betrachters nicht als Teil der Kunst ein. Vom Betrachter wird scheinbar nicht verlangt, wahrnehmend und assoziierend etwas den tableaux hinzuzufügen. Vorstellungen, individuelle Assoziationen braucht es hier auf den ersten Blick nicht. Offenbar sind sie nicht erwünscht. Der Betrachter steht außen vor. Seine Blicke dürfen nicht eindringen in die tableaux, die mächtig, klar und fest vor Augen hängen. Vor lauter ästhetischer Eindeutigkeit, vor lauter figürlicher Klarheit und Dominanz scheint sich der Betrachter nur noch zurückziehen zu können, scheint er nur kleinlaut sagen zu dürfen: Schön! Oder: Das ist aber Schön! Was für schöne Dinge!
Den tableaux können seine Assoziationen nichts hinzufügen, sie gehören ganz den Aussagen der Künstlerin, die das Schöne malte. Trennend wirkt die Oberfläche des realistisch Dargestellten, abgrenzend, ausgrenzend. Sie reduziert die Vielfalt der Gestaltungsprozesse in der Kunst.
Ein gegensätzlicher Zug unserer Zeit scheint hier manifest zu werden, in der doch die Vielfalt des Assoziierens an Hand des Nicht-Realistischen oder zumindest des Vagen, Undeutlichen ein heiliges Gut ist. Gewöhnlich fordern Autoren und Künstler die Vielfalt und die Einzigartigkeit der Assoziationen der Leser oder der Betrachter ein. Ob in Literatur oder Kunst durch die Konstruktion von unklaren, verschleierten Oberflächen werden die Betrachter in den Gestaltungsprozeß einbezogen. Mißverstehen, Hinzuerzählen, Sinn geben, das sind mitunter tragende Züge der Kunst des 20. Jahrhunderts. Doch Mehrl reduziert diese Vielfalt des Sinns und des Sinngebens, Subjektivierens und Individualisierens des Gestalteten durch den Betrachter mit der realistischen Oberfläche; offensichtlich tut sie das ganz bewußt. Insofern verstört die Oberfläche dieser Malerei, weil sie gegen das Gewöhnliche in der Malerei verstößt. Deswegen ist Mehrls Kunst reflektierende Kunst, weil sie eine andere Perspektive auf die Malerei legt. Sie hinterfragt Malerei, spielt mit deren Möglichkeiten des Ausdrucks: Einerseits ganz offensichtlich mit dem Realistischen, jener exakten Gegenständlichkeit, die den Betrachter ausschließt, seine gestalterische Tätigkeit weitgehend eindämmen möchte. Die Künstlerin ermöglicht den unverstellten, nackten Blick, den die Betrachter lange Zeit entbehren mußten. Andererseits - erst auf den zweiten Blick erkennbar - spielt sie mit dem Vernebelnden, Umhüllenden, Unscharfen, das den Betrachter als Gestalter und vor allem Sinngestalter in die Kunst mit einbezieht.
Ihre Kunst hinterläßt zuerst ein ungutes Gefühl bei jenem Betrachter, der gewohnt ist, vom Künstler aufgefordert zu werden, am sinngebenden Gestaltungsprozeß teil zu haben. So wird er sich fragen, ob er wohl einem reaktionären Werk gegenüber stehe? Oder mag das eine Kunst sein, die das epochale Denken in der Kunst bereits überwunden hat und ein anderes Verständnis von Darstellen und Gestalten einläutet? Vielleicht inszeniert und erschafft die Künstlerin eine andere Moderne oder eine Moderne der Eindeutigkeit nach der vielfältigen Postmoderne? Oder ist der Realismus, die realistische Darstellung der Dinge, nur das gestalterische Mittel für eine Philosophie über die Viel- und Einfalt, die beide sehr wohl etwas mit dem spannungsgeladenen Denken von Moderne und Postmoderne zu tun haben?

Barock: Wertet!
Alle Unbestimmbarkeiten dieses Denkens hat Elisabeth Mehrl schön verpackt in die barocke Monstrosität der Formen. Gewaltige voluten- und edelsteinverzierte Ringe, Miniaturarchitekturen überbordenden Lebensstils zeigt sie, präsentiert Reichtum, Ornament, schmucke Kathedralen der Finger. Oft durchaus tragbar, wunderschön, pure Lust am Ornament. Ornamente schmücken das Nackte, geben ihm etwas hinzu, differenzieren es zu anderem Nackten. Der nackte Finger ist mit einem solchen Ring nicht einfach nackter Finger, sondern ein pars pro totum, das für Reichtum, Wertschätzung, schmuckes Geschenk der Liebe steht. Möglicherweise ist der Ring ein altes Familienerbstück, das auf die lange Genealogie verweist, auf den Reichtum und das Ansehen der Familie, die nicht aus der Masse, der kleinen Bauern und anderen Untertanen stammte. Einen solchen Schmuck am Finger macht es beinahe unmöglich, mit den Händen zu arbeiten. Er ist schön, aber funktional unnütz, auch wenn er auf einer gesellschaftlichen Ebene differenziert und abgrenzt, also durchweg brauchbar für bestimmte Absichten ist. Doch für das nackte Leben ist der Schmuck einfach nur schmuck. Den Schmuck, das Ornament eines Gebäudes, eines Körpers braucht man nicht, damit das Gebäude oder der Körper funktioniert. Über eine Notwendigkeit verfügt er keineswegs. Puristische Funktionalisten könnten nun leichthin argumentieren: Alles was keine Notwendigkeit für die Funktionalität besitzt, ist Verschwendung an Energie und Ressourcen. Und jede Verschwendung ist unmoralisch! Also sollte das Ornament verboten werden, um ein hinreichend moralisches Leben führen zu können.
Bedauerlicherweise ist die Unterscheidung vom Nützlichen und Unnützlichen sehr schwer zu treffen. Denn was ist alles Ornament? Ist der Schmuck nutzloses Ornament? Ist Kunst Schmuck? Ist Philosophie, sind die Geisteswissenschaften Ornamente des nackten Lebens? Ist der Porsche vor der Haustür Schmuck oder hat er für bestimmte Menschen eine Berechtigung und gleichzeitig eine Notwendigkeit? Ist Kitsch Schmuck? Dürfen Gartenzwerge Vorgärten bevölkern, sind sie unnütz oder doch für einige Menschen notwendig? Schon die Gartenzwerge strudeln im Malstrom des Nihilismus, der sich überbieten läßt: Ist Ackerbau Schmuck? Reichte es nicht, wenn wir Jäger und Sammler wären? Sind unsere Gedanken Schmuck? Genügte es nicht, wenn wir in aller Dumpfheit lebten? Ist unser Leben nicht ein Ornament dieses Planeten? Genügte er sich nicht selbst? Also: Was ist Schmuck, was ist Ornament? Was ist nützlich, was ist nutzlos? Es gibt glücklicherweise keine letzte Antwort auf die Frage, was Schmuck ist. Denn wie der einzelne definiert, welcher Schmuck für ihn nützlich, welcher für ihn unnütz ist, bleibt jedem Menschen selbst überlassen. Schmuck ist jedenfalls immer menschliche Ordnung, Anordnung, Gestaltung. Er hat nicht nur etwas mit dem Schönen, dem Guten und gleichzeitig dem meist Nicht-Funktionalen zu tun. Aber der Schmuck strebt zum Schönen, auch wenn dieses Schöne relativ ist. So kann auch die Destruktion für den Destruktiven schöner Schmuck seines Lebens sein. Damit ist der Schmuck eine Notwendigkeit, die dem menschlichen Wunsch nach Unnützlichem eine Wirklichkeit verleiht.
Das Funktionslos-Schöne ist ein wichtiger, tröstender Ausweg aus den Arbeits-, Finanz-, Wirtschafts- und Lebenswelten, die unter dem Primat und der Hegemonie der Funktion stehen. Schmuck ist das Andere der Funktion. Gerade aus dieser Andersartigkeit begründet sich seine Notwendigkeit und sein Nutzen. Das geschmückte Leben ist somit der Gegenpol des funktionalen. In ihrer Ausgewogenheit könnten beide verantwortlich sein für ein glückliches Leben, dabei bleibt es Definitionssache des Einzelnen, welcher Schmuck das nackte Leben ornamentiert. Schmuck übersteigt mit seiner nutzlosen Funktion weit das Zeichenhafte, für das er auch stehen kann: für Wohlstand oder gar Reichtum. Losgelöst von diesen sozio-ökonomischen, hierarchischen Schichtungen, dessen Ausdruck und Differenzierungsmittel er sein mag, weitet er sich aus zu einem Prinzip des erfüllten Lebens.

Surrealismus: Durchdringt!
Elisabeth Mehrl stellt sich mit ihren tableaux diesen Fragen nach dem Nutzen und der Nutzlosigkeit des Schmucks und gibt sie an den Betrachter weiter. Die Künstlerin, die auf den ersten Blick den Betrachter ausschließt, führt seinen Blick von der glänzenden, schmucken Oberfläche des Realismus, der so schön, klar und fest uns vor Augen gebracht wird, der so unumstößlich und undurchdringlich zu sein scheint, in ein Reich des Relativen, der Labyrinthe der sich ausgrenzenden und einschließenden Denksysteme über das Schöne und den Schmuck. Die Vielfalt des Hinzufügens und Assoziierens durch den Betrachter sitzt in Mehrls Werken tiefer, besser gesagt daneben, neben der gegenständlichen Malerei. Denn die tableaux-Montagen der schönen Dinge werden umgeben von labyrinthischen und organisch-floralen Zellornamenten auf schwarzen und orangen tableaux. Dort zeigt sich das Irreale des scheinbar Realen und Greifbaren. Doppelungen, Verirrungen und Wirrungen, Überzahl, Differenzen und Grenzen hinterfragen als abstrakte Allegorien, die scheinbare Festigkeit und die visuelle Dominanz des Realen, das sich als eine Wüste herausstellt, ein Ort, an dem es nur Sand, aber keine Vielfalt gibt. Dort finden sich Platzhalter für die Assoziationen der Betrachter. Dort öffnen sich die Portale zu der anderen Ebene der Malerei Elisabeth Mehrls, die dem Betrachter und seiner gestalterischen, sinngebenden Kraft Entfaltungsmöglichkeiten zusprechen. Der Betrachter des Reichs der Dinge findet für seine Assoziationen hier seinen Ort, an dem er sich nach Belieben betätigen kann und soll: Seine Gedanken über den Nutzen und die Nutzlosigkeit des Schönen, Gestalten die tableaux Mehrls mit.
Noch deutlicher vernehmbar werden die Fragen nach dem Nutzen durch die surrealen Steigerungen und Übersteigerungen der bayerischen barocken Überpracht, der Pfaffenwinkel-Hypertrophien der tragbaren Ringe: Doppelringe, die über zwei Finger gezogen werden und die Funktionalität einer menschlichen Hand durchaus einschränkten, stellen die Funktionslosigkeit und den Unnutzen des Schmucks heraus. Deutlich wird dieser Aspekt des Schmucks auch mit dem immer wieder auftauchenden, seltsam unproportionierten Ring, der an ein Farbergé-Ei erinnert, groß wie ein Heißluftballon, der keine Gondel, sondern ein feines, dünnes Ringchen mit sich führt. In seiner nutzlosen, protzigen Pracht zeigt sich dieser Ring, dessen Funktionslosigkeit sich zu einer Qual steigert. Allein das Hinsehen bereitet Schmerzen, denn der dünne Ring würde unter der Hebelwirkung des Eis tiefe Einschnitte und Scheuerwunden am Finger hinterlassen. Schmuck und Leid gehören nicht ganz selten zusammen. Aber damit nicht genug des Surrealen, des Unnützen, das ein geschmücktes Leben ziert:
Tanzende, fliegende, wirbelnde Püppchen, deren Beine jedoch auf Klötzen befestigt sind und alle Bewegung verhöhnen, präsentiert die Künstlerin. Es ist erstaunliches und allenfalls ergötzliches Magnetspielzeug, das die Firma Manufactum anbietet, die mit dem Spruch wirbt: "Es gibt sie noch, die guten Dinge." Auch ein Stuhl, auf dem niemand sitzen kann, gesellt sich in dieses Reich der unmöglichen Dinge. Seine Sitzfläche hat vier Beine, auf denen sie steht und vier weitere, die sich in die Luft strecken. Auch andere Artefakte finden sich auf den tableaux, deren Funktionalität allenfalls hilfloser Wunsch ist, deren Nutzen nicht nahe liegt oder die eine erhabene, fremdartige, gleichsam extraterrestrische Ausstrahlung besitzen. Scheinbar sind diese tableaux Membrane zu mindestens einer Parallelwelt, die bestimmte Dinge der anderen Welt sichtbar werden lassen, in der vielleicht die Funktionalität dieser Dinge beheimatet ist und als Relikt übrig blieb, während die Dinge in unsere Welt mit ihrer baren Nutzlosigkeit überwechselten und auf gemalten Bildern sichtbar wurden.

Relativismus: Erkennt!
Die auf den ersten, flüchtigen Blick so einfache Malerei Elisabeth Mehrls versteckt hinter ihrer schönen, realistischen Oberfläche essentielle Fragen:
Wie nötig haben wir das Unnötige?
Was ist das Unnötige, wenn es doch nötig ist?
Wie notwendig ist der Schmuck?
Wieso hat der Schmuck den Wert, den er hat?
Wie nötig haben wir das Konkrete und das Abstrakte?
Wie schön ist das nackte Leben?
Wie notwendig ist das Schöne?

In diesen Fragen findet sich jenes Unrealistische, Unklare der Oberfläche wieder, die den Betrachter gewöhnlich in den Gestaltungsprozeß der Kunst des 20. Jahrhunderts mit einbezieht. Er muß sich lediglich auf eine andere, als die gewohnte Ebene begeben. Wird sein Blick von der gewöhnlich unklaren Oberfläche absorbiert, so muß er sie in Mehrls Malerei zuerst durchdringen, um dann hinter der realistischen Oberfläche die Fragen nach dem Notwendigen, nach Verschwendung und Moral für sich beantworten zu können. Die Einladung mitzugestalten, ist kryptischer, vielschichtiger als gewöhnlich. Um so reizvoller ist die Reise durch das Reich der Dinge in das Reich der Sprache, in das Reich einer Philosophie des Lebens.
Oder anders, mit Worten Nitzsches gesagt:
aller Schmuck versteckt das Geschmückte*
Was jedoch das Geschmückte wohl sei, bleibt zu bestimmen dem Betrachter überlassen.