Perlen und Arabesken oder Vom Eigenleben der Dinge

 

Papierarbeiten von Elisabeth Mehrl

Elisabeth Mehrl setzt sich seit einigen Jahren mit dem Schmuck als Bildthema auseinander. Neben großformatigen Leinwänden entstehen auch intimere, gleichsam auf Kammerton gestimmte Papierarbeiten. Dabei interessiert sie zunächst die Objekthaftigkeit formvollendeter Gegenstände. Ihre Freude daran teilt sich beim Betrachten ihrer Arbeiten souverän und zwanglos mit.
Perlen, deren Körperhaftigkeit nicht deutlicher sein könnte, dominieren die Bildräume. Von der Flächigkeit subtil gezeichneter, ornamentaler Hintergründe heben sie sich plastisch ab. Manche Arbeiten lassen sofort an Ketten oder Armbänder denken. Andere Bildfindungen sind mehrdeutiger. Filigrane Bleistiftlinien fügen die Perlen zu Gebilden zusammen, die Anstecker, Broschen, Armreife oder etwas anderes Geformtes sein könnten. Sie werfen die Frage auf, ob sich diese Bilder nun tatsächlich und mimetisch auf (Schmuck-)Gegenstände beziehen, wie es der erste Eindruck vermittelt, - oder ob es sich nicht vielmehr um abstrakte Gebilde handelt? Diese Ungewißheit wird noch dadurch verstärkt, daß die Bildgegenstände in allen diesen Arbeiten einer Umgebung, eines Kontextes beraubt sind: Es gibt niemanden, der sie trägt, es gibt keine Situation, in der sie eine Funktion besitzen würden. Aber gerade diese Vereinzelung verleiht ihnen eine unheimliche Lebendigkeit. Elisabeth Mehrls Bilder tendieren zu einer Autonomie, die ins Offene möglicher Bedeutungen führt. Ihre suggestive Qualität, der man sich schwer entziehen kann, evoziert ein breites Spektrum von Empfindungen und Interpretationen, das jeder vermeintlichen Eindeutigkeit überlegen ist. Damit rufen sie eine Bewegung hervor, die für die Objekte, von denen die Künstlerin ihre Anregungen bezieht und deren Eigenschaften sie nachspürt, von Anfang an charakteristisch gewesen ist.

Die Frage, warum sich Menschen schmücken, läßt viele Antworten zu. Schmuck erfüllt mehr als nur eine Funktion. Und das vermutlich schon immer. Reine, zweckfreie Freude am Schönen allein wird es nicht gewesen sein, die Menschen in der Steinzeit dazu antrieb, Ketten aus Samenkapseln oder Muscheln zu fertigen und zu tragen. Der Zeichen- und Symbolcharakter des Schmuckes ist von seiner Ästhetik nicht zu trennen. Schmuck sendet zahlreiche Signale aus, die eine Aura schaffen, deren erotischer Aspekt zwar besonders auffällig, aber nicht der einzige ist. Schmuck kann auch magisch aufgeladen sein. So schreibt man in arabischen Ländern noch heute Perlen eine Unheil abwehrende Wirkung zu.
Und ganz wesentlich sagt Schmuck etwas über die soziale Stellung des Trägers aus.
Es ist gerade zwei Jahrhunderte her, daß allein die Mode, der persönliche Geschmack und das Portmonnaie darüber entscheiden, wer welches Schmuckstück trägt.
Geblieben ist die Aura, in der Zeichenhaftes auch unbewußt mitschwingt. Wir sind - überschwemmt von der täglichen Flut der Bilder - nur oft nicht imstande sie wahrzunehmen.
Die Bilder von Elisabeth Mehrl können uns helfen, diese Wahrnehmung zu senibilisieren und zur stärken. Ihre Ästhetik und optische Präsenz sprechen dabei Gefühl und Phantasie an und beflügeln so unsere Reflexionsfähigkeit.

Andreas Kühne und Christoph Sorger